Ein Sackpfeifenwochenende ...
Alljährlich fragte sich meine Familie - was schenken wir Ralf denn zum Geburtstag ?
Nun, sie kennen meine Vorliebe für schottischen Whisky und Traditional Folk Music und so dachten Sie sich, schenken
wir Ihm doch einmal einen Wochenendkurs
„Dudelsackspielen“ bei einem der führenden
Lehrer Deutschlands Herbert Bartmann ! Tja gesagt getan - diesen absolvierte ich dann im idyllischen Norden/Norddeich im tiefsten Ostfriesland und berichte Euch hier von meinen Erlebnissen.
Der 1. Tag
Angekommen im Ort Norden um 9:55 Uhr nach 1,5 Stunden Fahrt erwartete mich ein altes öffentliches Schulgebäude, welches nun die Musikschule ist.
Herbert Bartmann empfing mich im Flur als er aus dem Lehrerzimmer trat (kam mir vor wie ein Schüler der was ausgefressen hatte und vom „Pauker“ ertappte wurde mit der Ausnahme das mein heutiger Lehrer sehr freundlich war und mir spontan das Du anbot :)

Ich tapste die Treppen des Gebäudes nach oben in die Aula, wo bereits einige Leutchen im Kreis an Schultischen zusammenfanden - nahezu allesamt älter als ich, teilweise musikalisch vorgebildet und trotz alledem genauso neugierig und aufgeregt wie ich.
Wir merkten nach der Vorstellungsrunde sehr schnell, daß Aufregung hier fehl am Platze ist, denn dieses ist ein „Einsteigerkurs in das Dudelsackspiel“ der keine Vorkenntnisse voraussetzt - puh, so lebt es sich entspannter :)
Herbert packte nun erstmal seinen Dudelsack aus und zeigte uns eine beeindruckende Demonstration seines Könnens.
Anschliessend gab er jedem von uns auf Leihbasis einen sogenannten Practice Chanter - sozusagen eine „Übungspfeife“ (eine von der Funktion her identische Kopie des „Endstücks“ eines Dudelsacks) mit welchem wir die nächsten 12 Monate üben sollen *schluck*
Ja richtig gelesen - 12 Monate - das wäre für Studenten in Schottland nicht anders !
Und warum erklärte uns unser Lehrer auch mit einem Gleichnis : Wer einen Führerschein hat, sollte nicht gleich einen LKW mit Anhänger lenken wollen, sondern sich zunächst mit den Grundlagen des Autofahrens beschäftigen - okay, dass leuchtete uns allen ein. Da die Grundlagen des Dudelsackspiels recht viel Perfektion verlangen sollte man hier sorgfältig arbeiten und das Fingerspiel beherrschen, bevor man weit über 1000 Euro für einen Dudelsack ausgibt - in der Zeit des Übens kristallisiert sich auch heraus ob einem dieses Instrument wirklich dauerhaft zusagt - wenn nicht, hat man nur ca. 50 Euro ausgegeben :) - gutes Argument Herbert !
Zunächst lernten wir das der Name „Chanter“ von dem Verb „to chant“ abstammt, welches nichts anderes als „singen“ bedeutet - ein Practice Chanter symbolisiert somit die „Stimme in den Fingern“.
Bevor wir diesen Chanter nutzen konnten, mussten wir Ihn erst zusammenbauen und erfuhren hierdurch, dass der Ton durch ein Rohrblatt (engl. Reed = Schilfrohr) erzeugt wird, welches durch Luftdruck in Schwingung versetzt wird - also schwuppdiwupps das Rohrblatt vorsichtig in den unteren Teil des Chanters gesetzt und das Oberteil (Windkapsel) darüber gestülpt - fertig ist die Übungspfeife.

Diese ist wie die Great Highland Bagpipe in „B“ gestimmt. Übrigens ist die Übersetzung „Dudelsack“ nicht ganz korrekt - eigentlich heisst es „Sackpfeife“ - wird seltener genutzt ist aber grammatikalisch und in Fachkreisen der richtige Begriff - so gibt es zum Beispiel auch den Sackpfeifenclub im Internet unter www.sackpfeifenclub.de. Die Bordunen der Sackpfeife (das sind die anderen Rohre die nach oben aus dem Sack herausragen) geben nur einen Brummton von sich - diese sind in „A“ gestimmt - da wir Sie beim Chanter ja nicht haben, vernachlässigen wir sie an dieser Stelle.
Um der Übungspfeife einen Ton zu entlocken, benötigt es zunächst richtig viel Luft - sollte es nur laut quietschen denkt dran, dass ihr neben den 7 Löchern auf der Vorderseite noch eines auf der Rückseite für den Daumen habt - hier bietet sich das Schliessen dieses Loches an und schon erklingt ein sanftes Tröten, als wenn Ihr gerade auf der Entenjagd sein :) - manchmal macht der Chanter auch Geräusche wie eine Gans oder einfach gar nix - dann reguliert ihr einfach ein wenig den Luftdruck und schon wird es klappen !
Hier seht Ihr eine passende Griftabelle:

Nun verliessen wir die Aula - zum einen um einen frischen Kaffee zu geniessen, zum anderen suchte sich jeder einen Klassenraum für sich allein in diesem riesigen Gebäude aus, um alleine die Tonleiter rauf und runter zu spielen - klappte doch schneller als ich dachte, aber es ist schon eine gewaltige Umstellung zum Tin Whistle Spiel.
Herbert ging dann durch die Klassenzimmer um jedem mit Tips & Tricks beiseite zu stehen und den Fortschritt zu beobachten.
Wieder zurück in der Aula lernten wir ein wenig Notenkunde, da doch einige bisher nichts mit Noten zu tun hatten - wir waren bald soweit für den ersten Tune auf dem Practice Chanter, gingen aber zunächst lecker beim Italiener nebenan essen.
Wieder zurück in der Schule wurde uns beigebracht, dass man zwar den Chanter, nicht aber die Bagpipe Stakkato spielen kann - sprich ein Zungenstoß ist nicht erlaubt, sondern nur ein kontinuierlicher Luftstoß, welches man Legato nennt.
Doch wie „trennt“ man 2 gleiche Töne dann voneinander ? Hier kam mir meine Vorkenntnis des Whistlespiels entgegen, denn auch beim Dudelsackspiel gibt es Cuts und Strikes. Man trennt sie durch ein kurzes antippen der darüber oder darunter liegenden Note - dieses ausführlich zu erklären ist kompliziert und besser praktisch vorzeigbar.
Herbert legte uns nun die Noten von „Amazing Grace“ vor - zwar kein schottisches Lied, wie er erklärte, aber mittlerweile fest mit der schottischen Seele verwachsen - alsdann begaben wir uns wieder in unsere Klassenzimmer zum üben, welches erstaunlicherweise besser klappte als erwartet.
Wieder in der Aula zeigte er uns den Unterschied zwischen einem „guten“ und einem „bösen Ebay“ Dudelsack - die schlechte Verarbeitung wurde uns allen schnell deutlich vor Augen geführt, und so hatten drei Teilnehmer der Runde fortan einen tollen Wandschmuck :)
Der Tag endetet mit weiteren Erläuterungen zu den Grace Notes (cuts) und Strikes (closed/open), sowie Beschreibungen diverser Melodien wie Laments, Planxtys und Piobaireachds (ich hoffe ich hab das richtig geschrieben - gesprochen wird es „Pi-broch“), welches übersetzt „pipen“ bedeutet - also „Dudelsack spielen“ . Heutzutage charakterisiert der Begriff Lieder für die Highland Pipe, die auf ein Ereignis verweisen.
Um 18 Uhr machte ich mich also auf dem Heimweg mit guter schottischem Musik im Radio, erwartungsfroh für den nächsten Tag.
Der 2. Tag
Pünktlich um 10 Uhr erreichte ich die Schule, nachdem ich wieder 1,5 Stunden durch ostfriesische Dörfer düste - Achtung: dort gibt es verdammt viel Blitzkästen :)
Herbert begann diesen Tag mit der Vorstellung diverser Sackpfeifen :
Die Highland Bagpipe - der klassische Dudelsack
Das Hümmelchen (süßer Name gell) - eine kleine „C“ notierte Sackpfeife
Die Schäferpfeife welche in „G“ gestimmt ist sowie
Die Small Scottish Pipe in „D“, auch gut für Sessions
Alle diese wurden kurz angespielt und wir kamen uns vor wie auf einem
Schlachtfeld in den Highlands, einem indischen Wochenmarkt mit
Schlangenbeschwörern oder einemmittelalterlichen Gelage - wir allerdings blieben weiterhin bei unserem Entengetröte auf dem
Practice Chanter.
Achja, als ich die Highland Pipe so sah, fragte ich mich, voraus wohl der Luftsack besteht. Keine Frage die lange unbeantwortet blieb - Herbert lupfte den Stoff des Sacks hoch und drunter kam eine Blase aus „GORETEX“ zum Vorschein - mit Reissverschluss !
Wow, da war ich baff - dass hatte ich nicht erwartet, wurde aber schnell aufgeklärt, dass die Firma Goretex eh einem Schotten gehört und so verband man das Nützliche mit dem Praktischen - ein Luftsack der Wasser von außen absorbiert - jedoch Wasser von innen nach außen transportiert (Speichel) - der Reissverschluss ist übrigens total luftdicht und die Erfindung eines Deutschen - ja wir können auch tolle Dinge (man braucht diesen um die Blase von innen reinigen zu können).
So lernte ich auch , dass der Dudelsack ein „nass bzw. feucht gespieltes Instrument“ ist, da sich der Speichel über das Mundstück verteilt - eine Uilleann Pipe oder auch die Scottish Small Pipe sind „trocken gespielte Instrumente“, da die Luft zum Spielen über ein Blasebalg zugeführt wird.
Nach der sehr informativen Theorieeinweisung übten wir unser zweites Stück auf dem Chanter namens „Scots Wha Hae“.
Zum Abschluss der äußerst gelungenen Veranstaltung, verteilte Herbert noch Ratschläge :
zum effektiven Üben (Methodik und Motivation),
zur Entscheidungsfindung, welches Sackpfeife denn die richtige für einen wäre, sowie
zum Kauf vom Dudelsack und seinem Zubehör.
Der Tenor der Teilnehmer war einstimmig - dieser Einblick in das Dudelsackspiel macht Appetit auf mehr und so wollen wir alle in Kontakt bleiben um zu schauen, was aus dem einen oder anderen Spieler so wird - spätere Treffen zur Erfolgskontrolle sind nicht ausgeschlossen :)
Danke an Herbert für ein tolles Wochenende mit viel viel Spaß und einer Menge Wissen rund um das Thema „Scottish Highland Pipe“ - wir sehen uns bestimmt bald wieder !


